Die vier Wirklichkeiten von Watzlawick – Es gibt nicht die Wirklichkeit – nur das, was wir daraus machen.
✍️ Gerion Weidl, DPH, MBA, Mag. Päd. · Pädagoge & Pflegedienstleiter, Forchheim
Vor ein paar Tagen saß ich wieder in einem dieser Gespräche, die ich aus den vielen Jahren Arbeit mit Familien und Kindern oder auch Freunden gut kenne. Zwei Erwachsene sprechen über dasselbe Kind – und erkennen sich kaum wieder. Die eine sieht ein Kind, das „stört“, das sich nicht an Regeln hält, das anstrengend ist. Der andere sieht ein Kind, das einfach mehr Bewegung braucht, anders lernt, in einem zu engen System nicht mitkommt. Beide schauen auf denselben Jungen. Beide haben aus ihrer Sicht recht.
Das ist keine Frage von richtig oder falsch. Es ist eine Frage von Wirklichkeit – und davon gibt es, wenn man dem Kommunikationswissenschaftler und Therapeuten Paul Watzlawick folgt, nicht nur eine.
Es gibt nicht die Wirklichkeit – nur das, was wir daraus machen
Watzlawick hat sein Berufsleben am Mental Research Institute in Palo Alto der Frage gewidmet, wie Kommunikation gelingt und woran sie scheitert. Seine vielleicht wichtigste Erkenntnis lässt sich einfacher zusammenfassen, als sie in der Fachliteratur oft klingt: Was wir „die Wirklichkeit“ nennen, ist nie das Ding selbst – sondern immer schon eine Deutung. Er unterscheidet dafür zwei Ebenen: eine Wirklichkeit erster Ordnung, also das, was sich messen, zählen, beobachten lässt, und eine Wirklichkeit zweiter Ordnung, also die Bedeutung, die wir dem geben. Im Web ist dazu auch ein sehr interessantes Video dazu
Fünf einfache Regeln, die fast immer zutreffen
Watzlawick hat das, was zwischen Menschen beim Sprechen passiert, in fünf Grundsätzen zusammengefasst. Ich übersetze sie mir für meinen Alltag mit Familien gern so:
- Man kann nicht nicht kommunizieren – auch Schweigen, ein Blick, ein Wegdrehen sagt etwas.
- Jede Botschaft hat zwei Ebenen: was gesagt wird, und wie die Beziehung dahinter gerade steht.
- Wer ein Verhalten als Ursache und wer es als Reaktion liest, bestimmt mit, wie ein Konflikt weitergeht.
- Wir kommunizieren mit Worten und mit allem, was wir nicht in Worte fassen – Tonfall, Haltung, Tempo.
- Manche Beziehungen laufen auf Augenhöhe, andere mit einem Gefälle. Beides ist normal – beides kann kippen.
Vier Frauen, ein Mensch
Genau diese Idee steckt im Bild oben. Es zeigt dieselbe Frau in vier Zeitaltern: als Frau der Steinzeit, der frühen Bronzezeit, des Mittelalters und der Gegenwart. Ihr Gesicht bleibt dasselbe. Was sich ändert, ist alles andere – die Kleidung, die Rolle, die Erwartung, die eine Zeit an sie stellt. In der Steinzeit machen ihre Kraft und ihr direkter Blick sie zur Überlebenden. In der Bronzezeit zeigt ihr Schmuck Status und Zugehörigkeit. Im Mittelalter erzählt ihre Kopfbedeckung, ob sie verheiratet ist und welchem Stand sie angehört. Heute hält sie ein Smartphone und macht ein Selfie – auch das eine Art, sich selbst zu zeigen und gesehen zu werden.
Würde man sie aus jeder dieser Zeiten heraus beschreiben, kämen vier ziemlich unterschiedliche Geschichten heraus. Keine davon wäre falsch. Keine davon wäre die ganze Wahrheit.
Was das für meine Arbeit bedeutet
In der Eingliederungshilfe und Schulbegleitung oder sehr oft auch im privaten Umfeld erlebe ich diese vier Wirklichkeiten jeden Tag – nur eben nicht über Jahrhunderte verteilt, sondern gleichzeitig, im selben Raum. Beispiel 1: Ein Kind, das in der Klasse als „auffällig“ gilt, ist zu Hause vielleicht einfach „lebhaft“, und im Verein „der Mutigste von allen“. Niemand von den drei Erwachsenen liegt falsch. Sie sehen einfach unterschiedliche Ausschnitte derselben Person, durch unterschiedliche Brillen. Beispiel 2: Eine Frau verlässt mit nur einem einfachen Koffer ihr Heimatland und zieht in ein komplett fremdes Land mit einer neuen und unbekannten Sprache. Ist Sie nun „schwach und hilfsbedürftig“ oder empfindet eine andere Person diese „glücksuchend“ und jener Betrachter sieht „nur eine Frau mit Koffer“
Was mir dabei hilft, ist eine einfache Frage, bevor ich ein Verhalten bewerte: Wessen Maßstab gilt hier eigentlich gerade? Und: Was würde ich sehen, wenn ich nichts über die Diagnose, die Vorgeschichte, die Erwartungen wüsste? Diese Fragen lösen keine Probleme. Aber sie schaffen einen kleinen Abstand – und genau in diesem Abstand entsteht oft die Möglichkeit, anders miteinander zu sprechen.
Dasselbe gilt für Erwachsene. In meinen Trainings zu Persönlichkeitstypen erlebe ich oft, wie zwei Menschen mit unterschiedlichen Werten – der eine ergebnisorientiert, der andere beziehungsorientiert – am selben Satz vorbeireden, ohne es zu merken. Auch das ist im Kern Watzlawick: Nicht der Satz ist das Problem, sondern die Wirklichkeit, in die jeder ihn einordnet.
Fazit
Die Wirklichkeit gibt es nicht – nur die, die wir gerade konstruieren. Das klingt zunächst nach einem Verlust an Sicherheit. Für mich ist es eher eine Erleichterung: Ich muss nicht mehr herausfinden, wer „richtig“ liegt. Ich kann fragen, welche Wirklichkeit gerade im Raum steht – und ob Platz für mehr als eine ist.
Quellen
- Watzlawick, P., Beavin, J. H., Jackson, D. D.: Menschliche Kommunikation – Formen, Störungen, Paradoxien. Hogrefe, Bern 1969.
- Watzlawick, P.: Wie wirklich ist die Wirklichkeit? Wahn, Täuschung, Verstehen. Piper, München 1976.
- Wikipedia: Paul Watzlawick. de.wikipedia.org/wiki/Paul_Watzlawick (abgerufen 17. Juni 2026).
- Wikipedia: Radikaler Konstruktivismus. de.wikipedia.org/wiki/Radikaler_Konstruktivismus (abgerufen 17. Juni 2026).
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