Der innere Kompass: Was die Geschichte vom Bauern und seinem Pferd verschweigt
Illustration: mit KI erstellt (Google Gemini) und redaktionell bearbeitet. Abbildung mit Einwilligung der dargestellten Personen.
Der innere Kompass: Was die Geschichte vom Bauern und seinem Pferd verschweigt
Die Parabel lehrt, nicht vorschnell zu urteilen. Sie lehrt aber niemanden, zu handeln. Über die Stelle, an der Gelassenheit endet und der eigene Kompass anfängt.
Sechs Uhr vierzehn. Küche, noch dunkel draußen, das Telefon vibriert auf der Arbeitsplatte. Dritte Krankmeldung an diesem Morgen. Der Dienstplan, an dem eine Kollegin und ich am Freitag zwei Stunden gesessen haben, ist damit Altpapier.
Was mir in diesem Moment ganz sicher nicht durch den Kopf geht: Wer weiß, wofür es gut ist.
Den Satz kenne ich trotzdem. Er begegnet mir seit Jahren, in Fortbildungen, in Beratungsgesprächen, auf Kaffeetassen. Er stammt aus einer sehr alten Geschichte, und die Geschichte ist besser als ihr Ruf. Nur erzählt sie etwas anderes, als die meisten glauben.
Die Geschichte, ohne Beiwerk
Überliefert ist sie im Huainanzi, einem Werk der klassischen chinesischen Philosophie aus dem 2. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung, achtzehntes Kapitel, „In der Welt des Menschen“. [1][2]
Ein Mann lebt nahe der Grenze. Sein Pferd läuft ihm davon, hinüber zu den Barbaren. Die Leute bedauern ihn. Sein alter Vater fragt zurück, wer denn wisse, ob das nicht Glück bringe. Monate später kommt das Pferd zurück und bringt edle Pferde aus dem Grenzland mit. Die Leute gratulieren. Der Vater fragt, wer denn wisse, ob das nicht Unglück bringe. Der Sohn reitet die neuen Tiere, stürzt und bricht sich das Bein. Er bleibt hinkend zurück. Die Leute bedauern wieder, und der Vater fragt zum dritten Mal, wer denn wisse, ob das nicht Glück bringe. Ein Jahr darauf fallen die Barbaren über die Grenze ein. Die wehrfähigen Männer spannen ihre Bögen und ziehen in den Kampf. Neun von zehn Grenzbewohnern kommen um. Vater und Sohn überleben beide. Wegen des Beins. [1]
Der Alte an der Grenze entscheidet kein einziges Mal
Das ist die Stelle, an der ich hängen bleibe. Vier Ereignisse, vier Kommentare, keine einzige Handlung. Der Alte bewertet nicht, das ist seine Stärke. Er greift aber auch nicht ein. Er wiegt sich wie ein Blatt im Wind, und der Wind entscheidet.
Das ist kein Vorwurf an den Text, sondern seine Absicht. Die Haltung des Alten wird als Wu wei beschrieben, als Nichteingreifen, und im daoistischen Zusammenhang ist sie die angemessene Antwort auf eine Welt, deren Verkettungen niemand überblickt. [1] Nur arbeite ich nicht im daoistischen Zusammenhang. Ich arbeite in einem Dienstplan.
Als Lektion über Bewertung ist die Parabel großartig. Als Lektion über Verantwortung ist sie leer.
Und dann steckt in ihr doch eine Entscheidung. Genau eine. Der Sohn steigt auf das fremde Pferd. Alles andere in dieser Geschichte passiert einfach, das Weglaufen, das Zurückkommen, der Krieg. Nur dieser eine Moment ist gewollt. Ein unerfahrener junger Mann setzt sich auf ein Tier, das er nicht kennt.
Nach jedem vernünftigen Maßstab war das keine kluge Entscheidung. Sie hat ihn ein Bein gekostet. Sie hat ihm später das Leben gerettet. Beides stimmt.
Jede Entscheidung stellt eine Weiche. Die guten und die schlechten. Was danach an Situationen auf uns zukommt, ist nicht mehr dieselbe Menge wie vorher. Wir sehen nur nie, wohin das Gleis führt, während wir den Hebel umlegen. Das ist kein Argument für Leichtsinn. Es ist ein Argument dafür, Entscheidungen ernst zu nehmen, auch die kleinen, gerade weil wir ihre Reichweite nicht kennen.
Warum ich das Wort Schicksal trotzdem behalte
Wer in der Pflege arbeitet, verliert schnell den Glauben daran, dass man alles im Griff hat. Ein Anruf, eine Diagnose, ein Sturz auf der Kellertreppe. Menschen, die sich ihr Leben lang angestrengt haben, sitzen danach in einer Situation, die sie nicht bestellt haben. Wer da behauptet, jeder sei seines Glückes Schmied, hat zu wenig Hausbesuche gemacht.
Die Stoiker haben die Trennlinie schon vor zweitausend Jahren gezogen. Epiktet beginnt sein Handbüchlein mit der Unterscheidung zwischen dem, was in unserer Macht steht, und dem, was nicht. [3]
Der Leib gehört nicht dazu. Der Besitz nicht, das Ansehen nicht, das Amt nicht. Wer diese Linie nicht zieht, kämpft sein halbes Leben gegen Dinge, die sich nicht besiegen lassen, und lässt dabei die Dinge liegen, die tatsächlich in seiner Hand sind.
Vorbereitung ist die Form, in der Glück landen kann
Es gibt keinen Schalter, an dem man Anstrengung gegen Schicksal eintauscht. Wer sein Bestes gibt, bekommt dafür keine Zusage. Das wäre Buchhaltung, nicht Leben.
Und trotzdem sortiert Vorbereitung die Möglichkeiten. Wenn kurzfristig eine Anfrage hereinkommt, entscheidet nicht das Glück darüber, ob wir sie annehmen können. Es entscheidet, ob Konzept, Personalplanung und Dokumentation vorher standen. Wenn eine Kollegin in eine schwierige Situation gerät, entscheidet nicht der Zufall, ob sie sie hält. Es entscheidet, was sie vorher gelernt hat und ob jemand ans Telefon geht.
Wer keinen Stall hat, dem nützen fünfzig Pferde nichts.
Das ist die Version von Mindset, mit der ich arbeiten kann. Nicht: Ich denke positiv, also wird es gut. Sondern: Ich baue an dem, was ich bauen kann, damit die Gelegenheit einen Ort hat, an dem sie ankommen kann. Ob sie kommt, steht auf einem anderen Blatt.
Der Kompass hat zwei Nadeln
Die Psychologie hat für diese innere Einstellung einen sperrigen Namen. Julian B. Rotter beschrieb 1966 die Kontrollüberzeugung: das Ausmaß, in dem jemand glaubt, dass ein Ereignis von seinem eigenen Verhalten abhängt. Internal, wenn das Geschehen als Folge des eigenen Handelns erlebt wird. External, wenn es als unabhängig davon erscheint, als Sache von Glück, Zufall oder mächtigeren Leuten. [4]
Der Reflex geht dahin, internal für gut und external für schlecht zu halten. So einfach ist es nicht. Wer sich auch das zuschreibt, worauf er nachweislich keinen Einfluss hatte, produziert Schuld statt Handlungsfähigkeit. Diese Verbindung aus erlebter Hilflosigkeit und Selbstbeschuldigung gilt in der Forschung als eigenes Risiko. [5]
Beide Nadeln braucht es also. Die eine zeigt auf das, was ich verantworte. Die andere zeigt auf das, was ich annehmen muss. Ein Kompass mit nur einer Nadel zeigt immer in dieselbe Richtung, egal wo man steht.
Was tatsächlich gefährlich wird, ist die dauerhafte Erwartung, ohnehin nichts bewirken zu können. Martin Seligman und Steven Maier prägten dafür 1967 den Begriff der erlernten Hilflosigkeit. Menschen und Tiere, die wiederholt erfahren haben, dass ihr Verhalten nichts ändert, hören auf, es zu versuchen. Auch dann, wenn sich die Lage längst geändert hat und ein Ausweg offen steht. [5]
Das Gegenstück dazu beschrieb Albert Bandura in den 1970er Jahren als Selbstwirksamkeitserwartung: das Vertrauen, aufgrund eigener Fähigkeiten auch in schwierigen Situationen handeln zu können. Sie wächst nicht durch Zuspruch. Sie wächst durch Erfolgserlebnisse. [6]
Acht Minuten für eine Jacke
Genau hier wird aus Philosophie Arbeit. In der Schulbegleitung und in der Assistenz ist der schnellste Weg immer derselbe: Man macht es selbst. Reißverschluss zu, Schuh gebunden, Formular ausgefüllt, Anruf erledigt. Zwanzig Sekunden statt acht Minuten, und der Bus wartet nicht.
Nur sind diese acht Minuten kein Zeitverlust. Sie sind der Unterricht.
Jedes Mal, wenn wir einem Menschen eine Handlung abnehmen, die er selbst hinbekommen hätte, nehmen wir ihm ein Erfolgserlebnis weg. Einmal ist das nichts. Tausendmal ist es eine Biografie. Am Ende steht ein junger Erwachsener, der gelernt hat, dass andere für ihn entscheiden, und der genau das dann auch von uns erwartet.
Bei manchen Menschen, die wir betreuen, ist der Bereich des Beeinflussbaren sehr klein. Eine fortgeschrittene Erkrankung verhandelt nicht. Viktor Frankl, der die Logotherapie begründet hat, hat gerade darauf beharrt: Auch wo an der Lage nichts mehr zu ändern ist, bleibt dem Menschen die Freiheit, dazu Stellung zu nehmen. [7] In der Assistenz ist das keine Theorie. Es ist die Frage, ob heute jemand fragt, welchen Pullover Frau K. anziehen möchte, oder ob einfach der obere aus dem Stapel genommen wird.
Wenn Gelassenheit zur Ausrede wird
Es gibt eine Version dieser Haltung, die mir nicht gefällt. Jemand hört von der Geschichte des Bauern, findet sie gut und beantwortet fortan jede Erschütterung mit einem ruhigen Schulterzucken. Trennung, Kündigung, Diagnose. Wer weiß, wofür es gut ist.
Von außen sieht Ruhe immer gleich aus. Der Unterschied zeigt sich erst danach. Haltung handelt weiter. Betäubung hört auf.
Trauer, Wut und Enttäuschung sind keine Denkfehler, die man wegargumentieren muss. Sie sind Information. Der Satz vom Bauern ist gut nach der Entscheidung, wenn wir mit dem Ergebnis leben müssen und die Bewertung uns nur noch zerfrisst. Er ist schlecht anstelle der Entscheidung.
Der Kompass in einem Satz
Nicht bewerten, was noch nicht zu Ende erzählt ist. Und trotzdem heute das Beste geben, das mir möglich ist, weil ich die Weiche stelle und nicht das Gleis baue.
Das eine schützt vor Verbitterung. Das andere vor Passivität. Getrennt taugt beides wenig.
Der Dienstplan von Freitag ist übrigens Altpapier geblieben. Um zwanzig vor acht stand ein neuer. Nicht, weil ich an diesem Morgen besonders gelassen war, sondern weil drei Leute ans Telefon gegangen sind, die nicht gemusst hätten.
Ob dieser Morgen gut war oder schlecht, weiß ich bis heute nicht. Das Pferd läuft weg, dagegen hilft keine Haltung. Ob ein Stall da ist, wenn es zurückkommt, ist eine andere Frage.
Quellen
- Glück im Unglück – Unglück im Glück (Parabel aus dem Huainanzi, 18. Kapitel Renjianxun): de.wikipedia.org
- Huainanzi, Werk der klassischen chinesischen Philosophie, entstanden unter Liu An (180–122 v. Chr.): de.wikipedia.org
- Enchiridion des Epiktet (Handbüchlein der Moral), Kapitel 1: de.wikipedia.org · Textfassung: projekt-gutenberg.org
- Kontrollüberzeugung nach Julian B. Rotter (1966): de.wikipedia.org
- Erlernte Hilflosigkeit nach Martin E. P. Seligman und Steven F. Maier (1967): de.wikipedia.org
- Selbstwirksamkeitserwartung nach Albert Bandura: de.wikipedia.org
- Logotherapie und Existenzanalyse nach Viktor E. Frankl: de.wikipedia.org
Begleitung, Beratung und Training
noahs-arche-pflegedienst.de
my-ebusiness.de
pcstore-forchheim.de
Kontakt aufnehmen

Kommentare
Kommentar veröffentlichen