Wenn der Jüngste in der Klasse die Tablette bekommt
✍️ Gerion Weidl · Zur Illustration: KI-generiert (Google Gemini)
Wenn der Jüngste in der Klasse die Tablette bekommt
Im British Medical Journal streiten Fachleute wieder darüber, was ADHS eigentlich ist. Für alle, die mit Kindern arbeiten, ist das die zweitwichtigste Frage. Die wichtigste lautet: Woran würde ich merken, dass meine Erklärung nicht stimmt?
✍️ Gerion Weidl · Pädagoge, Trainer und Pflegedienstleiter, Weilersbach
Er ist sieben und rutscht. Nicht frech, nicht laut, er rutscht einfach. Nach zwanzig Minuten liegt der Stift unter dem Tisch, das Heft ist auf der falschen Seite aufgeschlagen, und die Lehrerin sagt zum dritten Mal seinen Namen, diesmal in einer Tonlage, die jedes Kind im Raum versteht.
Im Elterngespräch fällt dann der Satz, den ich so oft gehört habe, dass ich ihn mitsprechen könnte: Man müsste das mal abklären lassen.
Was in solchen Gesprächen fast nie zur Sprache kommt: Der Junge ist der Jüngste seines Jahrgangs. Ein paar Wochen vor dem Stichtag geboren. Neben ihm sitzen Kinder, die fast ein Jahr länger üben durften, still zu sitzen.
Drei Sätze, die alle „ADHS ist real" heißen
Ende August haben vier britische Fachleute im British Medical Journal eine Zuschrift veröffentlicht. Aufhänger war eine Nachrichtenanalyse über die Channel-4-Sendung „The Great ADHD Myth?". In den sozialen Netzwerken wurde das binnen Stunden als Angriff auf Betroffene gelesen. Das ist es nicht. Die vier sortieren einen Satz.
„ADHS ist real" kann nämlich Verschiedenes bedeuten. Dass die Schwierigkeiten tatsächlich erlebt werden, dass sie weh tun, dass Familien daran zerbrechen können. Bestreitet niemand. Es kann auch heißen: Die Diagnose existiert, sie steht in der Klassifikation, sie eröffnet Ansprüche. Stimmt ebenfalls. Strittig ist der dritte Fall, nämlich dass hinter der Kategorie eine gesicherte neurologische Störung steckt, die das Verhalten erklärt. Und genau dort, schreiben die Autoren, wird in Debatten unbemerkt gewechselt. Aus „das Kind leidet wirklich" wird stillschweigend „also stimmt die Erklärung".
Ihre Schlussfolgerung muss ich nicht teilen, um mit ihrer Methode zu arbeiten. Um die Methode geht es mir hier.
Die Frage, die jede Erklärung aushalten muss
Popper hat den Maßstab geliefert, und der ist im Alltag unbequemer, als er im Seminar klingt. Eine Aussage taugt etwas, wenn sie scheitern kann. Nicht die Menge der Belege entscheidet, sondern ob ich benennen kann, welche Beobachtung sie umwerfen würde.
Im Klassenzimmer sieht das so aus. „Der Junge kann sich nicht konzentrieren, weil er ADHS hat." Solange ADHS in diesem Satz nichts anderes bedeutet als „kann sich nicht konzentrieren", habe ich nichts erklärt. Ich habe umbenannt. Der Satz dreht sich im Kreis, und er wird erst brauchbar, wenn er eine Vorhersage macht, die auch danebengehen kann.
Ein Test, der tatsächlich gemacht wurde
So eine Vorhersage liegt auf der Hand. Wenn Unreife regelmäßig als Störung gelesen wird, müssten die Jüngsten eines Jahrgangs öfter eine Diagnose bekommen als die Ältesten. Das lässt sich nachrechnen. Und es wurde nachgerechnet.
Hannes Schwandt und Amelie Wuppermann haben sich Abrechnungsdaten deutscher Krankenkassen aus den Jahren 2008 bis 2011 vorgenommen. Rund 7,2 Millionen Kinder zwischen 9 und 13, etwa neunzig Prozent des Jahrgangs. Bei den Jüngsten einer Kohorte lag das Diagnoserisiko 22 Prozent höher als bei den Ältesten. Überzeugt hat mich allerdings ein Detail dahinter: Der Sprung wanderte von Bundesland zu Bundesland mit dem jeweiligen Stichtag mit. Am deutlichsten fiel er in der vierten und fünften Klasse aus. Eine systematische Übersicht von 2018 fand denselben Effekt in 16 von 20 Studien wieder.
Über ADHS als Krankheitsbild ist damit nichts entschieden. Für unsere Arbeit ist die Botschaft trotzdem groß. Ein Stück von dem, was wir für Auffälligkeit halten, stammt aus dem Kalender. Aus einer Sortierung, die wir selbst vorgenommen haben. Und daran können wir schrauben, ohne dass irgendwer ein Rezept ausstellt.
Der gleiche Maßstab trifft auch uns
Jetzt der Teil, den ich in Fortbildungen ungern vortrage. Wenn der Maßstab gilt, gilt er auch für unsere eigenen Methoden. Die European ADHD Guidelines Group um Edmund Sonuga-Barke hat 2013 vierundfünfzig randomisierte Studien zu nichtmedikamentösen Verfahren ausgewertet: Elterntrainings, kognitive Trainings, Neurofeedback, Diäten.
Solange die Kinder von Leuten beurteilt wurden, die nah an der Behandlung dran waren, sahen die psychologischen Verfahren gut aus. Standardisierte Mittelwertsdifferenzen zwischen 0,40 und 0,64. Beurteilten dieselben Kinder dagegen Personen, die nicht wussten, wer was bekommen hatte, blieb bei Verhaltensinterventionen, Neurofeedback und kognitivem Training auf die Kernsymptomatik nichts Signifikantes übrig.
Unangenehm, ja. Nur heißt „nicht signifikant bei der Kernsymptomatik" nicht „wirkungslos". Elterntrainings verändern Erziehungsverhalten, sie senken die Konfliktdichte, sie machen Beziehungen wieder erträglich, und für diese Ziele stehe ich jederzeit gerade. Es sind eben andere Ziele. Wir sollten aufhören, das eine zu versprechen und das andere zu liefern.
Wie viel Spielraum die Leitlinien Pädagogen wirklich geben
Und jetzt die gute Nachricht, die kaum jemand kennt. Unser Handlungsspielraum steht nicht in irgendeiner Nische. Er steht in den Leitlinien selbst.
Die deutsche S3-Leitlinie ADHS empfiehlt Beratung zum Erziehungsverhalten von Eltern und von Pädagoginnen und Pädagogen ausdrücklich auch dann, wenn die Kriterien für eine Diagnose noch nicht erfüllt oder noch gar nicht geprüft sind. Diesen Satz sollte man zweimal lesen. Wir dürfen anfangen, bevor irgendjemand irgendetwas abgeklärt hat. Vor dem sechsten Lebensjahr und bei leichtem Schweregrad soll ohnehin primär psychosozial interveniert werden. Zeigt sich die Symptomatik in der Schule, und das ist der Normalfall, sollen Lehrerschulungen oder Beratungen der Lehrkraft parallel zum Elterntraining laufen.
Zur Redlichkeit gehört die andere Hälfte. Bei schwerer ADHS sieht dieselbe Leitlinie nach intensiver Psychoedukation primär eine Pharmakotherapie vor. Kein Widerspruch, sondern Abstufung.
Die britische NICE-Leitlinie NG87 wird an einer Stelle noch konkreter. Medikation für Kinder ab fünf gibt es dort erst, wenn Anpassungen der Umgebung umgesetzt und überprüft wurden und trotzdem eine erhebliche Beeinträchtigung bleibt. Umgebung, das heißt Sitzplatz, Aufgabenzuschnitt, Rückmeldetakt, Struktur. Unser Feld also. Und ausdrücklich der Schritt davor.
2. Wer hat beobachtet, und wusste diese Person, welche Maßnahme läuft? Nähe zur Maßnahme vergrößert Effekte, in beide Richtungen.
3. Tritt das Verhalten in mehreren Lebensbereichen auf oder nur in meinem? Nur in einem heißt: erst die Umgebung prüfen.
4. Wo steht dieses Kind im Jahrgang? Der Geburtsmonat gehört in die Anamnese, nicht in die Anekdote.
💡 Was ich Kolleginnen und Kollegen mitgebe
Falsifizierbarkeit klingt nach Prüfungsstoff. Praktisch ist es der Unterschied zwischen einer Erklärung und einem Etikett.
Eine Diagnose ist kein Gegner der Pädagogik, ein Medikament auch nicht. Ich habe Kinder erlebt, denen beides Luft verschafft hat, nachdem jahrelang nichts gegriffen hatte. Schaden richtet der Reflex an, mit dem Fachwort die Frage zu schließen, statt sie damit zu öffnen.
Der Junge aus der zweiten Reihe braucht vielleicht eine Abklärung. Er braucht auf jeden Fall jemanden, der vorher fragt, was dieser Raum, dieser Stundenplan und diese Sitzordnung mit ihm machen.
📚 Quellen und Weiterlesen
- Barnes J, Moncrieff J, Johnstone L, Davies J: Beyond „ADHD is real": what does the evidence actually establish? Rapid Response, BMJ 2026;394:e100637, 25.08.2026. bmj.com
- BMJ News Analysis zur Channel-4-Sendung „The Great ADHD Myth?", BMJ 2026;394:e100637, veröffentlicht 21.08.2026. doi.org/10.1136/bmj-2026-100637
- Royal College of Psychiatrists: Statement zur Channel-4-Dokumentation, 19.08.2026. rcpsych.ac.uk
- Schwandt H, Wuppermann A: The youngest get the pill. ADHD misdiagnosis in Germany, its regional correlates and international comparison. Labour Economics 2016;43:72–86. doi.org/10.1016/j.labeco.2016.05.018
- Whitely M et al.: Annual Research Review. ADHD late birthdate effect common in both high and low prescribing international jurisdictions. J Child Psychol Psychiatry 2019. doi.org/10.1111/jcpp.12991
- Sayal K et al.: Relative age and ADHD symptoms, diagnosis and medication. A systematic review. Eur Child Adolesc Psychiatry 2018. doi.org/10.1007/s00787-018-1229-6
- Sonuga-Barke EJS et al. (European ADHD Guidelines Group): Nonpharmacological interventions for ADHD. Am J Psychiatry 2013;170(3):275–289. doi.org/10.1176/appi.ajp.2012.12070991
- AWMF: S3-Leitlinie ADHS im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter, Registernummer 028-045, Kurzfassung 2018 (abgelaufen). register.awmf.org (PDF) · Registereintrag: 028-045
- NICE: Attention deficit hyperactivity disorder. Diagnosis and management, NG87, Recommendations. nice.org.uk
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