Deiche baut man bei Sonnenschein

Deiche baut man bei Sonnenschein – Freundschaft als Halt | Noahs Arche Blog
Freundschaft · Teil 2 · Resilienz

Deiche baut man bei Sonnenschein

Warum ein einziger Mensch in der Krise so viel tragen kann. Und warum man ihn nicht erst sucht, wenn das Wasser schon steigt.

Gerion Weidl · 4. Oktober 2026

„Früher war das Haus voll. Heute kommt noch einer.“

Den Satz höre ich in der Pflege in allen möglichen Varianten. Er klingt nach Verlust, und das ist er auch. Wenn ich dann frage, wer dieser eine ist, ändert sich oft die Stimme. Auf einmal wird erzählt. Von jemandem, der seit Jahrzehnten da ist. Der den Rasen mäht, wenn man es selbst nicht mehr schafft. Der anruft, wenn zwei Tage nichts zu hören war.

Dieser eine ist nicht einfach übrig geblieben. Er trägt, wenn vieles andere schon weggebrochen ist.

Im ersten Teil ging es darum, warum Freundschaften zerbrechen und warum am Ende nur wenige bleiben. Diesmal geht es um das, was diese wenigen leisten. Und um die Frage, wann man eigentlich anfangen sollte, sich um sie zu kümmern.

Manchmal reicht ein Mensch

Die Entwicklungspsychologin Emmy Werner hat alle 698 Kinder, die 1955 auf der Hawaii-Insel Kauai zur Welt kamen, über Jahrzehnte begleitet. Viele wuchsen unter schweren Bedingungen auf: Armut, Belastungen rund um die Geburt, dauernder Streit in der Familie. Trotzdem wurde etwa ein Drittel der besonders belasteten Kinder zu zuversichtlichen, zugewandten Erwachsenen. Viele weitere haben sich später im Leben gefangen.[1]

Werner nennt mehrere Schutzfaktoren. Einer taucht in den Lebensläufen immer wieder auf: ein verlässlicher Mensch, der zu dem Kind gehalten hat. Das waren nicht immer die Eltern. Manchmal war es die Großmutter, ein älterer Bruder, eine Lehrerin oder der Nachbar.

Wer meinen Beitrag über Sisyphos, Neuroplastizität und erlernte Hilflosigkeit kennt, ahnt, worauf ich hinauswill. Resilienz ist für mich keine Eigenschaft, die man einfach hat. Sie wächst an Beziehungen.

Kein Luxus für ruhige Zeiten

Julianne Holt-Lunstad und ihre Kollegen haben 2010 die Ergebnisse von 148 Studien mit mehr als 300.000 Teilnehmenden zusammengefasst. Wer stärkere soziale Beziehungen hatte, hatte im Beobachtungszeitraum eine um rund 50 Prozent höhere Wahrscheinlichkeit zu überleben.[2]

Das ist ein statistischer Zusammenhang und kein Rezept. Ein Heilversprechen leite ich daraus nicht ab. Aber die Zahl macht eines klar: Freundschaft ist nichts, was man sich gönnt, wenn alles andere erledigt ist.

Familie bleibt, Freundschaft muss man wählen

Sam Roberts und Robin Dunbar haben junge Erwachsene nach dem Schulabschluss 18 Monate lang begleitet. Viele sind in der Zeit weggezogen, zum Studium oder in den Beruf.[3] Wurde der Kontakt weniger, kühlten Freundschaften deutlich ab. Die Familienbeziehungen blieben erstaunlich stabil. Und starke Bindungen hielten besser als schwache.

Das passt zu dem, was ich erlebe. Familie kann man nicht kündigen. Freundschaft schon, und meistens ganz leise. Ohne Brief, einfach dadurch, dass man sich nicht mehr meldet. Gerade deshalb sagt sie so viel über zwei Menschen. Es gibt sie nur, solange beide sich immer wieder für sie entscheiden.

Es erklärt auch, warum manche Freunde nach zwanzig Jahren Pause sofort wieder da sind. Was vorher stark war, verfällt langsamer.

Machiavelli und der Fluss

Im 25. Kapitel von „Der Fürst“ vergleicht Machiavelli das Schicksal, die Fortuna, mit einem reißenden Fluss. Tritt er über die Ufer, reißt er alles mit, und niemand hält ihn auf. In ruhigen Zeiten aber, schreibt er sinngemäß, können die Menschen vorsorgen und Deiche und Dämme bauen.[4]

Ein besseres Bild für Freundschaft kenne ich nicht. Wer erst in der Krise nach Freunden sucht, ist zu spät dran. Der Deich muss stehen, bevor das Wasser kommt. Und er besteht aus lauter unspektakulären Momenten. Ein Anruf ohne Grund. Ein Abend, an dem nichts Besonderes passiert. Eine kurze Nachricht, nachdem der andere einen schweren Termin hatte.

Deshalb ging es mir im ersten Teil darum, früh zu erkennen, wer in den innersten Kreis gehört. Mit kalter Auslese hat das nichts zu tun. Es ist Deichbau. Man weiß dann einfach, wo man die Steine hinlegt.

Einer trägt, dann der andere

Paul Watzlawick und seine Kollegen unterscheiden zwei Grundformen, wie Menschen miteinander umgehen. Symmetrisch heißt: auf Augenhöhe, beide verhalten sich ähnlich. Komplementär heißt: Die Rollen ergänzen sich, einer gibt, der andere nimmt.[5] Keine von beiden ist an sich gut oder schlecht. Schwierig wird es, wenn eine Beziehung in einer davon festfriert.

In einer Krise wird jede Freundschaft komplementär. Einer trägt, der andere wird getragen. Tragfähige Freundschaften halten das aus, weil beide wissen, dass es sich irgendwann wieder dreht. Das ist der Unterschied zu Machiavellis erkaufter Freundschaft. Dort wird abgerechnet, sobald etwas aus dem Gleichgewicht gerät. Im innersten Kreis hält man das aus, manchmal über Jahre.

Das Gegenstück erlebe ich allerdings genauso oft. Menschen, die nichts annehmen können. Die lieber allein kämpfen, als sich tragen zu lassen. Dann steht der Deich zwar, aber keiner nutzt ihn.

Wer im Konvoi näher heranrückt

Robert Kahn und Toni Antonucci beschreiben die Menschen um uns als Konvoi, der uns durchs Leben begleitet und sich dabei immer wieder neu zusammensetzt.[6] In der Pflege sehe ich diesen Konvoi ganz konkret. Wird jemand pflegebedürftig, zeigt sich schnell, wer wo fährt. Manche Bekannte melden sich seltener. Besuche werden mühsam und passen nicht mehr in den eigenen Alltag.

Und dann gibt es die anderen. Die rücken näher. Robin Dunbar nennt diesen innersten Kreis aus etwa fünf Menschen die Unterstützungsgruppe. Das sind die, an die wir uns wenden, wenn es wirklich ernst wird.[7] Wer da drinsteht, hat seinen Platz selten erst in der Krise bekommen. Er hatte ihn vorher schon.

Deichbau im Alltag ist dabei nichts Großes. Sich melden, ohne etwas zu brauchen. Auch die unfertigen Kapitel der eigenen Geschichte erzählen. Aushalten, wenn es mal ungleich verteilt ist, statt gleich nachzurechnen. Und Hilfe annehmen, wenn das Wasser tatsächlich steigt.

Der, der donnerstags kommt

Zurück zu dem einen, der noch kommt. Wenn über ihn gesprochen wird, fällt mir immer dasselbe auf. Von einer großen Geste erzählt niemand. Erzählt werden Kleinigkeiten, die sich über Jahrzehnte angesammelt haben.

Wer heute jeden Donnerstag vor der Tür steht, hat irgendwann angefangen, Steine zu legen. Meistens lange bevor jemand ahnen konnte, dass man sie mal braucht.

Wenn der Kreis kleiner wird

Pflegebedürftigkeit verändert das soziale Umfeld, für Betroffene wie für Angehörige. Wir begleiten Menschen in Weilersbach, Forchheim und der Fränkischen Schweiz mit ambulanter Pflege, Assistenz und Eingliederungshilfe – und nehmen uns Zeit für das Gespräch.

Quellen
  1. Werner, E. E. (1993): Risk, resilience, and recovery: Perspectives from the Kauai Longitudinal Study. Development and Psychopathology, 5(4), 503–515. doi.org/10.1017/S095457940000612X
  2. Holt-Lunstad, J.; Smith, T. B.; Layton, J. B. (2010): Social Relationships and Mortality Risk: A Meta-analytic Review. PLoS Medicine, 7(7), e1000316. doi.org/10.1371/journal.pmed.1000316
  3. Roberts, S. B. G.; Dunbar, R. I. M. (2015): Managing Relationship Decay: Network, Gender, and Contextual Effects. Human Nature, 26(4), 426–450. doi.org/10.1007/s12110-015-9242-7
  4. Niccolò Machiavelli: Der Fürst (Il Principe), um 1513, Erstdruck 1532, Kap. 25. Überblick: de.wikipedia.org – Der Fürst
  5. Watzlawick, P.; Beavin, J. H.; Jackson, D. D. (1969): Menschliche Kommunikation. Formen, Störungen, Paradoxien. Bern: Huber (engl. Original 1967). Überblick: de.wikipedia.org – Paul Watzlawick
  6. Kahn, R. L.; Antonucci, T. C. (1980): Convoys over the life course. In: Baltes, P. B.; Brim, O. G. (Hrsg.): Life-span development and behavior, Bd. 3. New York: Academic Press. Aktueller Überblick: Antonucci, T. C.; Ajrouch, K. J.; Birditt, K. S. (2014): The convoy model. The Gerontologist, 54(1), 82–92. doi.org/10.1093/geront/gnt118
  7. Dunbar, R. I. M. (2018): The Anatomy of Friendship. Trends in Cognitive Sciences, 22(1), 32–51. doi.org/10.1016/j.tics.2017.10.004
⚠ Hinweis gem. HWG: Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information. Er ersetzt keine medizinische Beratung/Diagnose/Behandlung. Keine Heilversprechen. Bei Beschwerden Arzt aufsuchen. Alle Angaben ohne Gewähr.

Der Beitrag gibt persönliche Erfahrungen und Einschätzungen des Autors wieder (Meinungsäußerung). Beschriebene Situationen sind anonymisiert und verallgemeinert. Die genannten Studienergebnisse beschreiben statistische Zusammenhänge, keine Wirkungsversprechen.
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