Mit Lebensjahren geschmückt

Persönlicher Meinungsbeitrag, September 2026

Mit Lebensjahren geschmückt

Viele meiner Kolleginnen und Kollegen haben die 60 hinter sich, einige sogar die 75. An unseren ältesten Mitarbeiter, weit über 80, erinnere ich mich bis heute gut. Warum unser Pflegedienst ohne sie nicht funktionieren würde und warum ich mich auf die Zahl 60 in Lebensjahren freue.

Von Gerion Weidl, Noahs Arche Pflegedienst, Weilersbach

In der Hocke wie vor dem Skihang. Auf echte Pisten verzichte ich lieber.

Auf dem Foto gehe ich in die Knie wie ein Skifahrer kurz vor der Abfahrt. Beide Daumen oben, Dienstjacke an, und ich schmunzle, weil ich beim Auslösen schon an diese Zeilen denken muss und daran, warum ich das Bild überhaupt mache. Wer mich kennt, schmunzelt hoffentlich mit. Ausgerechnet ich, der schon mit 25 entschieden hat, dass ihm kein Skiurlaub der Welt und kein gefährliches Hobby einen Unfall wert ist.

Dieses Bild gefällt mir trotzdem. Es zeigt ziemlich genau, wie ich mich mit 58 fühle.

Die Frage nach dem Alter habe ich zuletzt im Gespräch mit einer Nachbarin geklärt, mit der ich regelmäßig trainiere. Seitdem ist die Sache für mich klar. Ich freue mich auf meinen 60. Geburtstag. Mit der alten Formel, dass mit den Jahren die Weisheit kommt, hat das wenig zu tun. Ich bin schlicht froh über jedes Jahr, das ich meinem Leben noch hinzufügen darf. Wenn mich jemand fragt, wie alt ich werden will, sage ich ganz bescheiden 150 Jahre. Wie abwegig das klingt, ist mir egal. Diesen Zielkorridor lasse ich mir nicht nehmen.

Die Grenze, die sich viele selbst ziehen

Bei vielen Menschen, die ich kennenlerne, fällt mir etwas auf. Sie setzen sich mit 70 oder 80 gedanklich eine Grenze. Dass die Jahre danach noch wertvoll sein könnten, halten sie für unwahrscheinlich.

Vielleicht habe ich es leichter. Meine beiden Kinder sind noch sehr jung, und die zwei sorgen dafür, dass ich mich nicht alt fühle. Dazu kommen Freunde, die mir vorleben, wie ein aktives Älterwerden aussehen kann. Zwei von ihnen waren Unternehmer und sind es bis heute. Sie ziehen mit dem Wohnmobil oder dem Reisebus los, sobald sich eine Gelegenheit bietet, fahren Rad, wandern und feiern gern. Partys will ich das in unserem Alter nicht mehr nennen. Sagen wir Freizeitaktivitäten.

Seniorengymnastik mit Boxhandschuhen

Mir selbst ist wichtig, dass ich jeden Tag trainieren kann, wenn ich will. Dafür gibt es bei uns im Haus ein kleines Gym. Ab und zu gehe ich zum Kickboxen, das ich in meinem Alter allerdings lieber fortgeschrittene Seniorengymnastik nenne. Auch dort bin ich längst nicht der Älteste. Gefahr und falschen Ehrgeiz suche ich dabei nicht mehr. Ich trainiere so, dass ich mich nicht verletze.

Diese Vorsicht begleitet mich lange. Mit 25 wurde mir bewusst, wie schnell ein Unfall ein ganzes Leben verändern kann. Zwei Geschichten haben sich mir eingeprägt. Ein junger Mann rannte mit Freunden in einen See und kam bei einem Kopfsprung unglücklich auf. Die Folgen haben ihn ein Leben lang begleitet, und er wurde über viele Jahre gepflegt. Ein Mädchen saß hinten auf einem Motorrad, der Fahrer war in der Stadt zu schnell unterwegs, ein Auto scherte aus. Sie hat es nicht überlebt.

Solche Geschichten machen vorsichtig. Ich denke viel über eigenes Verhalten nach, und einen Zusammenhang zwischen Verhaltensmuster und Unfall halte ich für möglich. Das Risiko war es mir nicht wert. Fallschirmspringen käme mir nie in den Sinn, und beim Klettern hätte ich schlicht zu viel Angst. Wer ein Unternehmen führt, bekommt seinen Nervenkitzel ohnehin im Büro geliefert. Andere, deren Berufsalltag weniger Abwechslung bietet, suchen sich die Herausforderung eben am Berg oder in der Luft.

Ohne die Älteren ginge es bei uns nicht

Damit zum eigentlichen Anlass dieses Beitrags. Das Durchschnittsalter bei Noahs Arche liegt nach meiner Schätzung deutlich über 50. Einige Kolleginnen und Kollegen haben das 75. Lebensjahr bereits erreicht, viele beziehen schon Rente. Anders würde es gar nicht gehen. Viele sind länger als zehn Jahre dabei, manche seit 15 Jahren.

Ich bin sehr froh, dass wir eine Struktur schaffen konnten, in der Menschen, die ihren früheren Beruf nicht mehr ausüben, in der Eingliederungshilfe und der Assistenz noch einmal Fuß fassen. Sie fühlen sich bei uns sehr wohl.

Was die amtliche Statistik dazu sagt

  • Nach Erstergebnissen des Mikrozensus 2025 waren 14 % der Rentnerinnen und Rentner zwischen 65 und 74 Jahren erwerbstätig, im Vorjahr 13 %. Mit dem Alter sinkt der Anteil: 19 % bei den 65- und 66-Jährigen, 8 % bei den 73- und 74-Jährigen.[1]
  • Bei den Frauen in Pflegeberufen waren 2019 die Babyboomer-Jahrgänge zwischen 50 und 59 Jahren stärker besetzt als die jüngeren Altersgruppen.[2]
  • Bleiben die Erwerbsquoten, wie sie sind, sinkt die Zahl der Pflegekräfte nach der Status-quo-Variante des Statistischen Bundesamts bis 2034 um rund 140.000, vor allem durch Renteneintritte der Babyboomer. Die Trend-Variante rechnet für 2034 mit rund 90.000 fehlenden Pflegekräften.[2][3]

Woher kommt diese Verlässlichkeit?

Was ich an den älteren Kolleginnen und Kollegen schätze, lässt sich schwer in eine Stellenanzeige schreiben. Sie sind verlässlich. Sie bleiben ruhig, wenn es hektisch wird. Und sie stehen zu ihrer Verantwortung. Viele tragen eigene Beschwerden mit sich herum und nehmen die Verantwortung für die Menschen, die sie begleiten, trotzdem sehr ernst.

Damit kein falscher Eindruck entsteht, sage ich es deutlich. Wer richtig krank ist, gehört nicht zur Arbeit. Gerade in der Pflege nicht, wo wir auch teilwese mit immunkompromittierten Menschen arbeiten, deren Gesundheit fragil ist. Die Auswertungen der Krankenkassen zeigen ein Muster, das dazu passt. Ältere Beschäftigte sind seltener krankgeschrieben als jüngere, fallen dann aber länger aus.[4] Verlässlichkeit bedeutet also nicht, nie krank zu sein. Sie hat mehr mit der Haltung zur eigenen Aufgabe zu tun.

Für diese Haltung habe ich zwei Erklärungen. Sie stammen aus meiner Beobachtung, nicht aus einer Studie. Viele unserer Älteren haben erwachsene Kinder. Sie haben ihnen über Jahre Werte mitgegeben und dabei auch versucht, die eigenen Fehler von damals nicht weiterzureichen. Wer das hinter sich hat, weiß, dass ein Team von Zuverlässigkeit lebt.

Die zweite Erklärung liegt in der Pflege selbst. Wer jeden Tag erlebt, dass es anderen Menschen deutlich schlechter geht, entwickelt eine gewisse Demut vor der Krankheit. Daraus wächst Verantwortung. Dazu kommt das Wissen, wie dünn die Linie ist. Ein Schicksalsschlag genügt, und aus der Pflegekraft wird selbst ein Pflegefall.

„Ich bin nicht alt. Ich bin mit Lebensjahren geschmückt und verziert, so wie viele in unserem Team.“ Gerion Weidl

Ist das verkehrt, oder kommt das mit dem Alter?

Ich gehe gern ins Büro. Es gibt kaum einen Tag im Jahr, an dem ich mich nicht auf meine Kolleginnen und Kollegen und auf die Arbeit freue. Morgens aufstehen, die täglichen Abläufe und To-do-Listen abarbeiten, am Abend einen Haken dahinter setzen. Dass ich das jeden Tag tun darf, empfinde ich als Privileg, und es macht mich stolz.

Ist das normal? Oder kommt so etwas mit dem Alter? Studien dazu hatte ich nie gelesen, also habe ich nachgeschaut. Der Ökonom David Blanchflower hat Befragungsdaten aus 145 Ländern ausgewertet, bei Menschen unter 70. Er beschreibt eine U-Kurve, bei der das Wohlbefinden bis etwa zum 50. Lebensjahr sinkt und danach wieder steigt.[5] Unumstritten ist das nicht. Andere Forscher kommen je nach Methode zu flacheren Verläufen oder sehen im hohen Alter wieder einen Rückgang.[6]

Ob meine Freude am Büro etwas mit dieser Kurve zu tun hat, weiß ich nicht. Deshalb stelle ich die Frage einfach in den Raum, vor allem an die älteren Kolleginnen und Kollegen in der Pflege. Arbeiten Sie gern, weil Sie älter geworden sind? Oder sind Sie so lange geblieben, weil Ihnen die Arbeit Freude macht? Schreiben Sie es mir gern in die Kommentare.

Ein Dank an die, die bleiben

Ich hatte das Glück, in den vergangenen Jahrzehnten ganz überwiegend mit solchen Menschen zusammenzuarbeiten. Deshalb an dieser Stelle ein dickes Lob an alle Pflegerinnen und Pfleger, ganz besonders an die Älteren unter ihnen. Die Pflege lebt zu einem großen Teil von Menschen, die diesen Beruf auch jenseits der 60 noch gern machen.

Ich zähle mich dazu und möchte so lange arbeiten, wie ich darf. Die 150 habe ich dabei weiter im Blick.

Quellen

  1. Statistisches Bundesamt (Destatis): Pressemitteilung Nr. N053 vom 5. August 2026, 14 % der Rentnerinnen und Rentner im Alter von 65 bis 74 Jahren sind erwerbstätig. destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2026/08/PD26_N053_13.html
  2. Statistisches Bundesamt (Destatis): Pflegekräftevorausberechnung, Abschnitte Angebot, Altersstruktur und Engpassbetrachtung. destatis.de/…/pflegekraeftevorausberechnung.html
  3. Statistisches Bundesamt (Destatis): Pressemitteilung Nr. 033 vom 24. Januar 2024, Bis 2049 werden voraussichtlich mindestens 280 000 zusätzliche Pflegekräfte benötigt. destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2024/01/PD24_033_23_12.html
  4. Wissenschaftliches Institut der AOK (WIdO): Fehlzeiten-Report 2024, Kapitel Krankheitsbedingte Fehlzeiten in der deutschen Wirtschaft im Jahr 2023 (Fälle und Dauer der Arbeitsunfähigkeit nach Alter). wido.de, Fehlzeiten-Report 2024 (PDF). Aufbereitung der AOK-Daten 2024: Institut Arbeit und Qualifikation, Universität Duisburg-Essen, sozialpolitik-aktuell.de (PDF)
  5. Blanchflower, D. G. (2021): Is happiness U-shaped everywhere? Age and subjective well-being in 145 countries. Journal of Population Economics, 34, 575–624. doi.org/10.1007/s00148-020-00797-z
  6. National Institute Economic Review (2022): Is happiness U-shaped in age everywhere? A methodological reconsideration for Europe. cambridge.org, National Institute Economic Review
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⚠ Hinweis gem. HWG: Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information. Er ersetzt keine medizinische Beratung/Diagnose/Behandlung. Keine Heilversprechen. Bei Beschwerden Arzt aufsuchen. Alle Angaben ohne Gewähr.

Der Text gibt die persönliche Meinung und die Erfahrungen des Autors wieder. Statistische Angaben sind mit den genannten Quellen belegt.
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