Oben am Kreuzstein redet man anders
Oben am Kreuzstein redet man anders
Kurz vor dem Kreuzstein wird der Weg steil, und wir genießen die wenigen Schritte durch ein kleines Waldstück bis zum Ziel. Es duftet nach Kräutern. Man hört den eigenen Atem und die Schritte. Oben setzen wir uns an den Felsen und schauen eine Weile ins Tal.
Dann fällt ein Satz, der in einem Büro oder einer Wohnung so nie gefallen wäre.
Ich begleite Menschen in der Eingliederungshilfe. Offiziell heißt das sozialpädagogische Assistenz. Wer uns bei so einer Wanderung beobachtet, würde vermutlich sagen, da gehen zwei miteinander wandern. Wir waren auch so angezogen, und das stimmt sogar. Nur passiert dabei mehr, als man sieht.
Die eigene Lebensumgebung spricht immer mit
Hausbesuche haben einen Haken. Die Umgebung redet immer mit. Da liegt die ungeöffnete Post, da steht der Wochenplan an der Wand, der letzte Woche schon nicht geklappt hat. Jedes Gespräch dort ist ein bisschen Inspektion, auch wenn das niemand will.
Deshalb halte ich mir für solche Termine großzügig Zeit frei. Ein gutes Gespräch lässt sich nicht in 45 Minuten pressen.
Mit dem Wort Pädagoge fremdle ich im Alltag übrigens manchmal. Meine Arbeit fühlt sich eher nach Coaching an. Viele Psychotherapeuten dürften das von ihrer Arbeit ähnlich kennen, auch wenn „Therapeut“ auf dem Türschild besser klingt.
Was Sozialpädagogik hier eigentlich leisten soll
Das Gesetz ist an dieser Stelle erstaunlich konkret. § 78 SGB IX beschreibt Assistenz als Unterstützung, damit Menschen ihren Alltag samt Tagesstruktur selbstbestimmt und eigenständig bewältigen. Genannt werden unter anderem Haushalt, soziale Beziehungen, persönliche Lebensplanung, Teilhabe am gemeinschaftlichen Leben und Freizeit, ausdrücklich einschließlich Sport.[1] Der befähigende Teil, also Anleitung und Übung, ist Sache von Fachkräften.
Ein Satz darin wird gern überlesen. Über Ablauf, Ort und Zeitpunkt der Leistung entscheiden die Leistungsberechtigten selbst, auf Grundlage ihres Teilhabeplans. Wer nicht wandern will, wandert also nicht. Richtig so.
Praktisch heißt das: Ich erledige den Schriftverkehr nicht für jemanden. Ich sitze daneben, bis der Brief beantwortet ist, und beim nächsten Mal sitze ich ein Stück weiter weg. Tagesstrukturen werden gemeinsam gebaut, ausprobiert, verworfen und neu gebaut. Ein schwieriges Telefonat üben wir vorher. Ich kenne die Beratungsstellen und Ansprechpartner in der Region und helfe, den Kontakt herzustellen. Und ich kenne meine Grenze. Ich diagnostiziere nicht, und ich behandle nicht.
Dahinter steht ein Menschenbild, das sich in Deutschland über Jahrzehnte verschoben hat, weg von der Fürsorge, hin zur Teilhabe. Die UN-Behindertenrechtskonvention hat diese Richtung festgeschrieben. Der Mensch entscheidet über sein Leben. Die Unterstützung richtet sich danach.
Was von außen unlogisch aussieht
Viele Verhaltensmuster ergeben von außen keinen Sinn. Ein Handgriff wird immer wieder wiederholt, obwohl er längst erledigt ist. Ein Brief liegt wochenlang, obwohl er in zehn Minuten beantwortet wäre.
Paul Watzlawick hat dafür eine Unterscheidung geliefert, die ich ständig brauche. Die Wirklichkeit erster Ordnung umfasst das, was sich an den Dingen weitgehend objektiv feststellen lässt. Die Wirklichkeit zweiter Ordnung besteht aus dem Sinn und Wert, den wir diesen Dingen zuschreiben.[2] Der Brief liegt da, das ist die erste Ordnung. Für mich ist er Papierkram. Für mein Gegenüber kann er eine Drohung sein oder der nächste Beweis, dass man es eh nicht schafft.
Darüber zu streiten, was in dieser zweiten Wirklichkeit „wirklich“ wirklich ist, hielt Watzlawick für absurd. Recht zu haben bringt mich also nicht weiter. Weiter bringt mich die Frage, welche innere Logik hinter einem Muster steckt. Und ob es eine andere gibt, mit der sich leichter leben lässt.
Warum der Berg hilft
Nach so einem Anstieg ist der Körper müde, und der Kopf wird ruhiger. Das ist meine Erfahrung, keine Studie. Man geht nebeneinander statt sich gegenüberzusitzen. Wenn es unangenehm wird, muss niemand dem anderen in die Augen schauen. Und oben hat man gemeinsam etwas geschafft, das man sehen kann.
Die Themen wandern dann. Wir reden über die Persönlichkeit meines Gegenübers und irgendwann auch über meine. Wo wir uns ähneln, wo wir völlig verschieden ticken. Solche Vergleiche helfen, ein Arbeitsbündnis zu finden, das für beide trägt. Manchmal bringt ein Nachmittag dort oben mehr als etliche Termine im Wohnzimmer, auch wirtschaftlich gerechnet.
Die Frage auf dem Rückweg
Ich habe die Ausbildung, den Dienstplan, die Dokumentation. Da ist die Versuchung groß, daraus abzuleiten, dass ich auch das bessere Leben führe. Beim genaueren Hinsehen wird das dünn. Auch ich habe Routinen und Überzeugungen, die mir das Leben leichter machen. Andere machen es mir schwerer, und ich halte trotzdem daran fest.
Woher kommen meine Werte überhaupt? Von den Menschen, die in meiner Kindheit und später da waren. Die meisten davon habe ich mir nicht ausgesucht. Dass ich heute auf dieser Seite des Gesprächs sitze, hat mit Glück und Zufall mindestens so viel zu tun wie mit Verdienst.
Manchmal frage ich mich, ob Menschen, die nie Begleitung brauchen, wirklich die Stabileren sind. Oder ob sie nur weniger hinschauen. Wer sich nie infrage stellt, lebt bequem. Sein Umfeld nicht immer. Wer mit mir am Kreuzstein über die eigenen Muster spricht, leistet in diesem Moment eine Reflexionsarbeit, die sich viele nie zumuten.
Darf ein Pädagoge das öffentlich sagen?
Ich habe überlegt, ob ich diesen Text schreibe. Man könnte ihn so lesen, als stelle ich meine eigene Haltung infrage.
Ich sehe es umgekehrt. Die Gefahr in unserem Beruf liegt selten bei der Fachkraft, die zweifelt. Sie liegt bei der, die sicher ist, sie wisse, wie das Leben des anderen richtig geht. Dann wird aus Begleitung Bevormundung, meistens mit den besten Absichten. In der Pflege ist das nicht anders. Wer täglich in fremde Wohnungen kommt, glaubt schnell zu wissen, wie es dort laufen müsste.
Augenhöhe heißt dabei nicht, dass es keinen Unterschied gäbe. Ich werde für meine Arbeit bezahlt, ich trage Verantwortung und kenne Wege durch Behörden, die mein Gegenüber noch nicht kennt. Diese Rolle fülle ich aus. Über dem Menschen stehe ich deshalb nicht. Supervision und kollegiale Beratung gibt es in unserem Feld aus genau diesem Grund. Sich selbst sieht man schlecht von außen.
Die Szene am Kreuzstein ist so beschrieben, dass niemand erkennbar ist. Was mir dort oben anvertraut wird, bleibt dort oben.
Beim Abstieg reden wir wieder weniger. Bergab schauen wir beide auf den Weg, weil er für beide gleich rutschig ist. Einen besseren Maßstab für Augenhöhe habe ich bisher nicht gefunden.
Gerion Weidl, Coach · Pädagoge, Trainer und Pflegedienstleiter bei Noahs Arche Pflegedienst, Weilersbach
Quellen
- § 78 SGB IX – Assistenzleistungen, Bundesministerium der Justiz: gesetze-im-internet.de/sgb_9_2018/__78.html
- Paul Watzlawick: Wie wirklich ist die Wirklichkeit? Wahn, Täuschung, Verstehen. Piper, München 1976.

Kommentare
Kommentar veröffentlichen