Warum bin ich hier? Eine Antwort aus Mörtel.
Warum bin ich hier? Eine Antwort aus Mörtel.
Ein Traum von einer Baustelle, einer Kelle voll Mörtel und einer Frage, die niemand beantwortet hat. Ich erzähle ihn, weil er mich seitdem im Arbeitsalltag begleitet.
Rohbau. Staub in der Luft, der Geruch von nassem Zement. Neben mir rührt jemand die Mischung an, die Konsistenz stimmt gerade, gleich sollen Steine gesetzt oder Wände verputzt werden. Ganz normale Arbeit, jeder Handgriff sitzt.
Und mitten hinein frage ich laut in den Raum: Warum bin ich überhaupt hier? Was machen wir hier eigentlich?
Ich träume selten schlecht. An die meisten Nächte erinnere ich mich am Morgen gar nicht mehr. An diese schon, bis ins Detail.
In der Pflege stellt sie sich regelmäßig. Nach der dritten Tour, wenn der Dienstplan wieder eine Lücke hat. Wenn die Dokumentation länger dauert als der Einsatz selbst. Wenn jemand, den man über Monate begleitet hat, nicht mehr da ist. Die Frage ist echt und sie verdient keine Sonntagsrede als Antwort.
Sie stellt sich auch nicht im luftleeren Raum. Rund 5,7 Millionen Menschen in Deutschland galten 2023 als pflegebedürftig, etwa 86 Prozent von ihnen wurden zu Hause versorgt, zwei Drittel überwiegend durch Angehörige.[1] In Bayern liegt der Anteil der zu Hause versorgten Pflegebedürftigen bei 82,4 Prozent, versorgt durch Angehörige oder einen ambulanten Dienst.[2]
Das sind die Wohnzimmer, Küchen und Schlafzimmer, in denen unsere Arbeit stattfindet. Kein Gebäude mit Empfang, sondern das Zuhause anderer Leute. Wer da morgens um halb sieben klingelt, trägt mehr als eine Diensttasche.
Er griff mit der Kelle in den Eimer, ließ den Mörtel in seine Handfläche gleiten und verstrich ihn mir übers Gesicht.
Und da war noch etwas. Diesen Kollegen kannte ich nicht. Kein Gesicht aus meinem Leben, niemand, den ich hätte einordnen können. Ein Fremder.
Wach hätte ich anders reagiert. Wenn mir jemand, den ich nicht kenne, so nahe kommt, finde ich das übergriffig. Da bin ich nicht tolerant. Im Traum war davon nichts übrig.
Ich musste lachen. Nicht höflich, sondern richtig. Und ich habe mich gefreut, dass es passiert ist, gerade weil es so unerwartet kam. Was blieb, war Verbundenheit. Eine Herzlichkeit und ein innerer Frieden, die noch da waren, als ich aufgewacht bin.
Ich deute diesen Traum nicht. Dafür gibt es keine belastbare Grundlage und ich hätte auch kein gutes Gefühl dabei, ihm eine fertige Bedeutung überzustülpen. Er steht, wie er ist.
Was ich sagen kann: Es gibt Momente in unserer Arbeit, die genauso funktionieren. Der Witz im Treppenhaus zwischen zwei Einsätzen. Die Hand, die länger gehalten wird als nötig. Der Blick zwischen zwei Kollegen, wenn beide wissen, wie die Nacht war. Niemand erklärt in diesen Momenten irgendetwas. Trotzdem ist die Frage danach weg.
Vielleicht ist das der Teil der Pflege, der sich in keinem Konzept unterbringen lässt. Man kann ihn nicht planen und nicht abrechnen. Aber wer ihn kennt, arbeitet anders.
Quellen
- Statistisches Bundesamt (Destatis): Gesundheitsausgaben in Pflegeeinrichtungen im Jahr 2023 um 6,3 Prozent gestiegen. Pressemitteilung Nr. N025 vom 15. Mai 2025. destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2025/05/PD25_N025_236.html
- Bayerisches Landesamt für Statistik: Stärkster Anstieg der Zahl der Pflegebedürftigen bayernweit in Mittelfranken und Schwaben. Pressemitteilung 2025. statistik.bayern.de/presse/mitteilungen/2025/pm004/index.html
Einordnung: Die Schilderung des Traums und die daraus abgeleiteten Gedanken sind persönliche Meinungsäußerung des Autors, keine Tatsachenbehauptung und keine psychologische oder therapeutische Aussage. Es erfolgt bewusst keine Traumdeutung. Die genannten statistischen Angaben sind Tatsachenbehauptungen und über die angegebenen Primärquellen belegt.

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