Warum ich keine Tattoos trage
Warum ich keine Tattoos trage, und warum das keine Antwort für meine Kinder ist
Ein Satz am Lagerfeuer hat mir gezeigt, dass meine Kinder eine Haltung von mir übernommen haben, die ich ihnen nie begründet habe. Das hole ich hier nach. Mit zwei Thesen, die sich auch gegen mich wenden dürfen, und zwei Fragen für die Kommentare.
Campingplatz, später Nachmittag. Ein Freund, mit dem wir uns regelmäßig treffen, sitzt mit am Tisch. Er ist tätowiert, Arme, Schultern, gut sichtbar. Als er später weg ist, sagt eines meiner Kinder: Die Bilder gefallen mir nicht. Das andere nickt.
Beide sind unter zwölf. Beide haben zu diesem Thema keinen eigenen Maßstab. Was sie haben, ist meiner. Sie hören seit Jahren von mir, dass ich damit nichts anfangen kann und dass ich in über fünfzig Jahren nie auf die Idee gekommen bin, mir eines stechen zu lassen. Sie haben meine Haltung übernommen, ohne je eine Begründung dafür gehört zu haben.
Das ist kein guter Zustand. Eine geerbte Meinung ist keine. Also reiche ich die Begründung hier nach.
Ein Tattoo hält einen Moment fest. Eine Überzeugung, eine Liebe, einen Verlust, eine Zugehörigkeit. Das ist nichts Oberflächliches, im Gegenteil. Es ist eine der ehrlichsten Aussagen, die ein Mensch treffen kann: Das hier zählt für mich so viel, dass ich es mir auf die Haut schreibe.
Das Problem liegt nicht im Motiv. Es liegt im Zeitabstand.
Mit siebzehn oder zwanzig entscheidet jemand über den Menschen, der er mit fünfundvierzig sein wird. Diesen Menschen kennt er noch nicht. Er kann ihn nicht kennen. Er weiß nicht, welche Beziehungen halten, welcher Beruf kommt, welcher Glaube trägt und welcher wegbricht. Er weiß nicht, wie sich sein Körper verändert, was ihm in zwanzig Jahren peinlich sein wird und was nicht.
Denken wir an das Hirschgeweih auf dem unteren Rücken, das vor einigen Jahren überall zu sehen war. Heute sitzen Menschen in Lasersitzungen, zahlen für die Entfernung ein Vielfaches dessen, was das Stechen gekostet hat, und behalten am Ende trotzdem einen Schatten. Was sie dabei belastet, ist selten das Bild an sich. Es ist die frühere Version ihrer selbst, die ihnen im Spiegel weiter gegenübersteht, obwohl sie längst weitergegangen sind.
Ein Symbol auf der Haut bleibt nicht privat. Es geht mit in die Bahn, ins Bewerbungsgespräch, an die Tür eines Menschen, der Pflege braucht und Angehörige hat, die sich ihr Urteil in drei Sekunden bilden.
Man denke an die Ohrringe bei Jungs. Einer, zwei, links, rechts. Dafür gab es einmal Codes, halb vergessen, nie einheitlich, und trotzdem wirken sie nach. Jemand lässt sich zwei Stecker setzen, weil es ihm gefällt, und bekommt eine Zuschreibung mitgeliefert, die er nie gemeint hat. Er kann jedes Mal erklären, dass es so nicht gemeint war. Aber er wird jedes Mal erklären müssen.
Ich nehme mich davon nicht aus. Ich merke bei mir selbst, dass ich anfange zu deuten, bevor ich ein Wort mit dem Menschen gewechselt habe. Ich lese eine Biografie in ein Bild, das ich nicht kenne, bei einem Menschen, den ich nicht kenne. Das sagt mehr über mich als über ihn, und es ist mir nicht angenehm. Es passiert trotzdem. Und wenn es mir passiert, passiert es tausend anderen auch, nur reden die meisten nicht darüber.
Mir hat nie ein Moment gefehlt, den ich auf diese Weise hätte festhalten wollen. Die alten Zeiten waren da, manche gut, manche nicht. Ich wollte sie nie in Bildern manifestieren. Mein Gedächtnis erledigt diesen Job, und es hat den Vorteil, dass ich es korrigieren kann, wenn ich merke, dass ich mich geirrt habe. Haut korrigiert nicht.
Das gilt für mich. Es gilt nicht für den Freund am Campingtisch, dessen Bilder mir nichts erklären müssen, weil sie ihm gehören.
Was ich meinen Kindern mitgeben will, ist deshalb kein Verbot und auch kein Rat. Es ist eine Bitte um Zeit. Entscheide das spät. Entscheide es wach. Und rechne damit, dass das Bild weiterspricht, wenn du längst etwas anderes sagen würdest.
Zwei Fragen, über die ich mit Ihnen streiten möchte
Wie viele Jahre muss ein Motiv im Kopf überstehen, bevor es auf die Haut darf?
Und wer trägt die Folgen einer Lesart, die man nie gemeint hat, der Träger oder der Betrachter?
Antworten gern in den Kommentaren. Ich lese mit und antworte.
Hinweis gem. HWG: Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information. Er ersetzt keine medizinische Beratung, Diagnose oder Behandlung. Keine Heilversprechen. Bei Beschwerden Arzt aufsuchen. Alle Angaben ohne Gewähr.
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