Wie aus Freunden Feinde werden – und wer das Feuer weiterträgt

Pädagogik · Kommunikation · Beziehung

Wie aus Freunden Feinde werden – und wer das Feuer weiterträgt

Was Fritz Heider, ein Onlinespiel mit 300.000 Spielern und 176 Dörfer in Honduras über Feindschaft verraten. Und was Kinder lernen können, damit aus einem Streit kein Lager wird.

Gerion Weidl · 8. Oktober 2026 · Teil 2 zu „Du bist mein bester Freund“

Illustration: KI-generiert (Google Gemini)

Die Einladungskarten liegen auf dem Küchentisch, acht Stück, mit Glitzerstift beschriftet. Eine fehlt noch. Und dann kommt ein Satz, den Eltern in irgendeiner Fassung alle kennen: „Wenn Mia kommt, kommt Hanna nicht.“

Mia hat dem Geburtstagskind nichts getan. Mia und Hanna haben sich zerstritten, irgendwann vor den Ferien. Worum es ging, weiß keiner mehr so genau. Trotzdem soll jetzt eine Neunjährige entscheiden, auf welcher Seite sie steht. Der Streit zweier Kinder ist zur Frage für ein drittes geworden.

Ein großer Verrat steht selten am Anfang. Meist ist es ein Riss zwischen zwei Menschen, der sich durch alle zieht, die drumherum stehen.

Im letzten Beitrag ging es darum, wer am Ende bleibt. Dieser hier dreht die Frage um. Wie wird aus Nähe Feindschaft? Und warum bleibt ein Konflikt so selten bei den zwei Menschen, die ihn angefangen haben?

Heiders Dreiecke

1946 hat der Psychologe Fritz Heider eine Idee aufgeschrieben, die man vom Schulhof kennt.[1] Wir denken Beziehungen in Dreiecken. Ich, du und ein Dritter. Mag ich dich und du magst ihn, will ich ihn auch mögen. Mag ich dich und du kannst ihn nicht ausstehen, gerät etwas in Schieflage. Entweder ich rücke von dir ab oder von ihm.

Dorwin Cartwright und Frank Harary haben daraus 1956 ein mathematisches Modell gemacht, die strukturelle Balance.[2] Die Volksweisheit dazu kennt jedes Kind: Der Feind meines Feindes ist mein Freund.

Das klingt nach Naturgesetz. Lange war es vor allem eine Behauptung. Wer fragt schon Tausende Menschen, wen sie nicht leiden können?

Was ein Onlinespiel über uns verrät

Michael Szell, Renaud Lambiotte und Stefan Thurner haben 2010 einen Umweg genommen.[3] Sie werteten das Onlinespiel Pardus aus, das damals rund 300.000 Spieler hatte. Dort kann man andere ausdrücklich als Freund oder als Feind markieren, und das Spiel speichert alles mit. Untersucht haben die drei eine Spielwelt mit 18.819 Spielern über 445 Tage.

Freundschaft beruhte meistens auf Gegenseitigkeit. 68 Prozent der Freundschaftsmarkierungen wurden erwidert, bei Feindschaft waren es 11 Prozent. Die allermeisten Feindschaften waren also einseitig. Einer führt Krieg, der andere weiß womöglich nichts davon.

Freund und Feind zugleich kam praktisch nicht vor. Dieses Hin-und-her-gerissen-Sein, das wir aus dem echten Leben kennen, taucht in den Markierungen nicht auf. Wer kippt, kippt ganz.

Am deutlichsten zeigt es sich bei den offenen Dreiecken. Angenommen, A ist mit B befreundet, und B ist mit C verfeindet. Zwischen A und C gibt es noch keine Verbindung. Entstand dann eine, war es etwa elfmal so wahrscheinlich eine Feindschaft wie eine Freundschaft. Der Feind meines Freundes wurde mein Feind, oft ohne dass zwischen uns je etwas vorgefallen wäre.

Ein Spiel ist kein Leben, klar. Deshalb lohnt der Blick in die Dörfer.

176 Dörfer, und Heider irrt einmal

Im Westen von Honduras haben Forscher um Nicholas Christakis von der Yale University die Bewohner von 176 abgelegenen Dörfern befragt, unter anderem danach, mit wem sie nicht gut auskommen. Alexander Isakov und Kollegen haben 2019 die Daten von 24.696 Erwachsenen ausgewertet: rund 105.000 positive und gut 16.000 negative Beziehungen.[4]

Ein Teil von Heider bestätigt sich. Der Feind eines Freundes ist meist auch mein Feind, der Freund eines Feindes ebenso. Beim berühmtesten Satz aber widersprechen die Daten. Der Feind meines Feindes wird in diesen Dörfern nicht mein Freund. Er bleibt auch mein Feind.

Das ist unbequem. Feindschaft hat in solchen Netzen keine eingebaute Bremse. Sie gleicht sich nicht aus, sie breitet sich aus.

Zwei weitere Befunde aus denselben Dörfern passen dazu. Amir Ghasemian und Nicholas Christakis fanden 2024, dass Feindschaften innerhalb der eigenen Gruppe ungefähr so häufig vorkommen wie zwischen Gruppen.[6] Sie erklären das mit einer alten Redensart: Vertrautheit erzeugt Verachtung. Um jemanden nicht leiden zu können, muss man ihn erst kennen. Feindschaft wächst also mitten im eigenen Kreis. In der Familie, in der Nachbarschaft, im Team.

Ein Jahr vorher hatten die beiden ein „Feindschafts-Paradox“ beschrieben. Die Freunde eines Menschen haben im Schnitt mehr Feinde als er selbst.[5] Wer Freunde hat, hat damit auch Anschluss an deren Konflikte. Jeder Freund bringt seine Gegner mit.

Verbündete löschen nicht

Hier liegt für mich der Kern. Wenn zwei sich zerstreiten, suchen beide Verbündete. Das ist menschlich. Ein Verbündeter löscht das Feuer aber selten. Er trägt es weiter, ins nächste Dreieck und von dort ins übernächste.

Neutral sind Verbündete fast nie. Sie haben eigene Rechnungen offen, eigene Interessen, manchmal einfach Freude an der Aufregung. Das ist meine Beobachtung aus vielen Jahren in Beratung und Pädagogik, keine Zahl aus einer Studie. Sie deckt sich aber mit dem, was die Netzwerke zeigen. Aus einem Zweierkonflikt wird ein Lagerkonflikt, und jeder, der dazukommt, vergrößert die Angriffsfläche.

Paul Watzlawick hilft zu verstehen, warum das so reibungslos läuft.[7] Jede Nachricht hat einen Inhalts- und einen Beziehungsaspekt. Der Dritte bekommt aber nur eine Sachversion erzählt, und zwar die des Erzählers.

„Sie hat mich vor allen lächerlich gemacht.“

Was zwischen den beiden über Jahre gewachsen ist, die Kränkung darunter, der eigentliche Streit um die Beziehung: All das reist nicht mit. Der Verbündete urteilt über einen Fall, den er nur zur Hälfte kennt. Und weil Feindschaft so oft einseitig ist, weiß die andere Seite womöglich gar nicht, dass gerade über sie geurteilt wird.

Wer nah war, kennt die wunden Stellen

Feindschaft zwischen früheren Freunden ist meistens bitterer als die zwischen Fremden. Mich wundert das nicht. Wer mir nah war, weiß, wo ich verwundbar bin. Solange Vertrauen da ist, schützt er dieses Wissen. Bricht das Vertrauen, wird es zur Munition.

Darum hängt dieser Beitrag so eng am ersten. Dort ging es darum, wen man in den innersten Kreis lässt. Hier geht es um den Preis, wenn man sich dabei geirrt hat. Wer jemandem Dinge anvertraut, die nur für einen engen Freund bestimmt sind, liefert im Fall des Bruchs das Futter selbst. Ganz ohne Absicht.

Streit ist nicht das Problem

Fairerweise gehört eine Gegenstimme hierher. Dieselbe Studie aus Honduras zeigt, dass Menschen mit vielen negativen Beziehungen oft am Rand ihrer Gruppe stehen, dort, wo Gruppen sich berühren.[6] Über sie verbreiten sich Informationen sogar gut. Und in Gemeinschaften mit mehr inneren Spannungen gingen die Meinungen zu umstrittenen Fragen weiter auseinander, die Gruppe war weniger festgefahren. Die Autoren betonen, dass es Zusammenhänge sind, keine nachgewiesenen Ursachen.

Ich lese das so: Widerspruch hält eine Gruppe beweglich. Streiten ist nichts, was man Kindern abtrainieren muss. Gefährlich wird es dort, wo aus Widerspruch ein Lager wird und aus dem Lager eine Pflicht zur Treue.

Was wir Kindern mitgeben können

Kinder lernen das Lagerdenken früh, und es hängt mit ihrer moralischen Entwicklung zusammen. In meinem Beitrag über Kohlberg und das moralische Wachsen ging es um die Stufe, auf der Fairness ein Tausch ist. Hilfst du mir, helfe ich dir. Danach kommt die Stufe, auf der es ums Dazugehören geht und darum, als guter Freund zu gelten. Genau dort sitzt der Satz „Wenn du mit der spielst, bist du nicht mehr meine Freundin“. Treue wird mit Feindschaft gegen Dritte bezahlt.

Verbote helfen dagegen wenig. Was hilft, sind Fragen und Sätze, die man üben kann. Das hier sind meine, gesammelt aus Pädagogik, Beratung und Pflege.

1
Wer erzählt mir das, und was hat er davon?

Bevor ich urteile, frage ich, aus wessen Mund ich die Geschichte kenne. Eine Version ist keine Wahrheit. Sie ist eine Version.

2
„Ich mag euch beide“ ist ein erlaubter Satz

Niemand muss sich auf eine Seite stellen, nur weil zwei sich streiten. Kinder dürfen das laut sagen. Erwachsene übrigens auch.

3
Was ich im Vertrauen höre, bleibt dort

Wer Geheimnisse weiterträgt, füttert einen Streit, der nicht seiner ist. Er lernt nebenbei, dass man mit Vertrauen handeln kann. Genau das soll es nicht werden.

4
Erst die Beziehungsfrage, dann die Sachfrage

„Was ist eigentlich zwischen euch passiert?“ bringt mehr als „Wer hat angefangen?“. Die zweite Frage sucht einen Schuldigen. Die erste sucht den Riss.

5
Weiß der andere überhaupt davon?

Feindschaft hat oft nur einen Absender. Manchmal reicht ein offenes Gespräch, und der vermeintliche Gegner fällt aus allen Wolken.

Für Eltern und Fachkräfte

Eltern sind die stärksten Verbündeten, die ein Kind hat. Damit sind sie auch die stärksten Verstärker. Wer sich bei einem Pausenhofstreit sofort hinter das eigene Kind stellt und die andere Familie gleich mitverurteilt, macht aus einem Kinderkonflikt einen Familienkonflikt. Zuhören, nachfragen, nicht sofort Partei ergreifen. Und den Satz aus Punkt 2 im Zweifel selbst vorleben.

Wenn einer gegen die Kolonne fährt

Im ersten Teil stand das Bild vom Konvoi, das Robert Kahn und Toni Antonucci geprägt haben: die Menschen, die uns durchs Leben begleiten.[8] Dass jemand ausschert, gehört dazu. Feindschaft ist etwas anderes. Da schert einer aus und wendet.

Ob daraus ein Spurwechsel wird oder eine Massenkarambolage, entscheidet selten der, der wendet. Das entscheiden die, die hinter ihm fahren.

Wenn Konflikte die Familie belasten

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Quellen
  1. Heider, F. (1946): Attitudes and cognitive organization. Journal of Psychology, 21, 107–112. doi.org/10.1080/00223980.1946.9917275
  2. Cartwright, D.; Harary, F. (1956): Structural balance: A generalization of Heider’s theory. Psychological Review, 63, 277–293. doi.org/10.1037/h0046049
  3. Szell, M.; Lambiotte, R.; Thurner, S. (2010): Multirelational organization of large-scale social networks in an online world. PNAS, 107(31), 13636–13641. doi.org/10.1073/pnas.1004008107
  4. Isakov, A.; Fowler, J. H.; Airoldi, E. M.; Christakis, N. A. (2019): The Structure of Negative Social Ties in Rural Village Networks. Sociological Science, 6, 197–218. doi.org/10.15195/v6.a8
  5. Ghasemian, A.; Christakis, N. A. (2023): The enmity paradox. Scientific Reports, 13, 20040. pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC10654772
  6. Ghasemian, A.; Christakis, N. A. (2024): The structure and function of antagonistic ties in village social networks. PNAS, 121(26), e2401257121. doi.org/10.1073/pnas.2401257121
  7. Watzlawick, P.; Beavin, J. H.; Jackson, D. D. (1969): Menschliche Kommunikation. Formen, Störungen, Paradoxien. Bern: Huber. Überblick: de.wikipedia.org – Paul Watzlawick
  8. Kahn, R. L.; Antonucci, T. C. (1980): Convoys over the life course. In: Baltes, P. B.; Brim, O. G. (Hrsg.): Life-span development and behavior, Bd. 3. New York: Academic Press. Überblick: Antonucci, T. C.; Ajrouch, K. J.; Birditt, K. S. (2014): The convoy model. The Gerontologist, 54(1), 82–92. doi.org/10.1093/geront/gnt118

⚠ Hinweis gem. HWG: Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information. Er ersetzt keine medizinische Beratung/Diagnose/Behandlung. Keine Heilversprechen. Bei Beschwerden Arzt aufsuchen. Alle Angaben ohne Gewähr.

Der Beitrag gibt persönliche Erfahrungen und Einschätzungen des Autors wieder (Meinungsäußerung). Die Szene am Anfang ist ein typisches Beispiel, Namen sind frei gewählt. Studienergebnisse sind sinngemäß wiedergegeben und in den Quellen nachprüfbar.

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