Vier Dinge gehören uns

Vier Dinge gehören uns: Epiktet, Stellenabbau und die Frage, wo wir überhaupt ansetzen können
Haltung und Handlungsspielraum · Prolog · Noahs Arche Pflegedienst

Vier Dinge gehören uns

Epiktet zählt auf, was in unserer Macht steht. Es sind vier Punkte. Alles andere fehlt in der Liste, und das ist keine Nachlässigkeit.

Ein Kunde stellt einen sieben Jahre alten Laptop auf den Tresen. Lüfter laut, Akku müde, Windows braucht vier Minuten zum Hochfahren. Er sagt: „Eigentlich wollte ich mir längst ein neues Gerät holen. Aber ich weiß gerade nicht, wie es bei uns in der Firma weitergeht."

Diesen Satz höre ich seit anderthalb Jahren häufiger. Nicht als Klage. Eher beiläufig, so wie man das Wetter erwähnt.

Die kürzeste Bestandsaufnahme der Philosophiegeschichte

Epiktet beginnt sein Handbüchlein mit einer Inventur. Er teilt die Welt in zwei Fächer und lässt keinen Zwischenraum.

„In unserer Macht sind Urteil, Bestrebung, Begier und Abneigung." Epiktet, Handbüchlein der Moral, Kapitel 1 [1]

Vier Dinge. Wie ich etwas beurteile. Worauf ich zugehe. Was ich begehre. Wovor ich zurückweiche. Und dann die andere Spalte, die er ebenso knapp aufzählt: Leib, Besitz, Ansehen, Amt. Nicht in unserer Macht. [1]

Das ist keine Sesselphilosophie. Epiktet war Sklave, bevor er freigelassen wurde und lehren durfte. [2] Ein Mann, dem der eigene Körper juristisch nicht gehörte, schreibt auf, was einem Menschen tatsächlich gehört. Die Liste ist deshalb so kurz, weil sie aus Erfahrung stammt und nicht aus Wunschdenken.

Warum die Unterscheidung gerade jetzt Arbeit macht

Was der Kunde am Tresen spürt, steht in den Statistiken. Im ersten Quartal 2026 waren rund 45,64 Millionen Menschen in Deutschland erwerbstätig, 157.000 weniger als ein Jahr zuvor. Die Rückgänge im Verarbeitenden Gewerbe und im Bau wurden vom leichten Zuwachs bei den Dienstleistungen nicht mehr aufgefangen. [3] Im Baugewerbe hält die negative Entwicklung der Wertschöpfung inzwischen länger als vier Jahre an. [4]

In den energieintensiven Branchen ist die Produktion zwischen Februar 2022 und März 2026 um 15,2 Prozent gesunken, in der Industrie insgesamt um 9,5 Prozent. Die Beschäftigtenzahl dieser Branchen lag im März 2026 bei 794.400 und damit 6,3 Prozent unter dem Stand von Februar 2022. [5] Von Januar bis April 2026 meldeten die Amtsgerichte 8.551 beantragte Unternehmensinsolvenzen, 6,7 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Am häufigsten traf es Verkehr und Lagerei, Gastgewerbe und Bau. [6]

Das sind keine Stimmungsbilder. Das ist gezählt.

Zur Ursachenfrage Worauf diese Entwicklung zurückgeht, ist zwischen Wirtschaftsforschung, Verbänden und Politik strittig. Genannt werden unter anderem Energiekosten, Bürokratielasten, schwache Auslandsnachfrage, Zinsniveau, verschobene Investitionen, demografischer Druck und geopolitische Verschiebungen. Die Gewichtung dieser Faktoren ist eine offene Debatte, und dieser Beitrag entscheidet sie nicht.

Und genau hier wird Epiktet praktisch. Diese Debatte gehört in die zweite Spalte. Ich kann eine Meinung dazu haben, mich beteiligen, wählen gehen, in einem Verband mitarbeiten. Entscheiden kann ich sie nicht. Wer seine Kraft dort hineinlegt, wo er keinen Hebel hat, ist am Abend leer und hat nichts bewegt.

Die eigene Inventur

Was nicht in meiner Macht steht: Weltmarktpreise. Energiekosten. Gesetzgebung. Leitzinsen. Ob der Konzern zwei Ortschaften weiter eine Schicht streicht. Ob eine Halle leer bleibt.

Was in meiner Macht steht: Ob ich weiß, wie hoch meine Fixkosten wirklich sind. Ob ich eine Rücklage habe oder nur davon spreche. Ob meine Qualifikation aktuell ist oder acht Jahre alt. Ob ich Menschen kenne, die mich anrufen, wenn irgendwo etwas frei wird. Ob ich meine Gesundheit behandle wie Betriebsmittel oder wie Verbrauchsmaterial. Und wie schnell ich handle, wenn sich etwas abzeichnet.

Diese zweite Liste ist unbequem, weil sie keine Ausrede zulässt. Sie ist aber auch die einzige, an der man am Montagmorgen etwas ändern kann.

Wo Ökonomie und Ökologie dieselbe Spalte teilen

Zurück zum Laptop. Der Kunde bekommt eine SSD, sechzehn Gigabyte Arbeitsspeicher, einen neuen Lüfter und einen frischen Akku. Das Gerät läuft danach wieder ordentlich, und es kostet ihn einen Bruchteil eines Neukaufs. Es entsteht kein neues Gerät, das produziert, verschifft und irgendwann entsorgt werden muss.

Das rettet keine Volkswirtschaft. Es zeigt aber, wie die Lösungsansätze aussehen, die tatsächlich in der ersten Spalte liegen. Ein Gerät fünf Jahre länger nutzen. Aufträge an Betriebe im Landkreis geben, statt an eine Plattform. Die eigene Energierechnung ernsthaft prüfen, statt sie zu bezahlen und zu schimpfen. Eine Qualifikation nachholen, bevor man sie braucht. Reparieren, was reparierbar ist, und Menschen ausbilden, statt auf Bewerber zu warten.

Jede dieser Entscheidungen ist ökonomisch und ökologisch zugleich sinnvoll, und keine davon braucht eine Genehmigung aus Berlin oder Brüssel. Das ist ihr eigentlicher Wert: Sie sind sofort verfügbar.

Was Kinder am Abendbrottisch mitschreiben

Ein Punkt liegt mir als Pädagoge besonders am Herzen. Kinder und Jugendliche hören zu, wenn Erwachsene über die Lage sprechen. Sie hören dabei weniger die Argumente als die Grundmelodie.

Wer über Jahre hört, dass man ohnehin nichts machen kann, lernt genau das. Martin Seligman und Steven Maier haben diesen Mechanismus 1967 als erlernte Hilflosigkeit beschrieben: Wer wiederholt erfährt, dass sein Verhalten nichts ändert, hört auf, es zu versuchen, auch wenn der Ausweg längst offen steht. [7] Am Abendbrottisch entsteht so eine Kontrollüberzeugung, die ein junger Mensch zwanzig Jahre lang mit sich trägt. [8]

Der Unterschied, auf den es ankommt

Es ist etwas anderes, ob am Tisch gesagt wird „Das ist gerade schwierig, und wir gehen es so an" oder „Da kann man nichts machen". Beides beschreibt dieselbe Lage. Nur der erste Satz hinterlässt jemanden, der später handelt.

Der Laptop steht abholbereit im Regal. Was in der Firma des Kunden passiert, weiß ich nicht, und er weiß es auch nicht. Was er weiß: Er hat jetzt ein funktionierendes Gerät, für den Fall, dass er kurzfristig Bewerbungen schreiben muss.

Vier Dinge gehören uns. Es ist wenig. Es ist alles, worauf man bauen kann.

Diese Serie Was hier kurz angerissen ist, entfalten vier weitere Beiträge.

Prolog: Vier Dinge gehören uns.
Teil 1: Streben gehört uns, Gelingen nicht. Warum Rückzug keine stoische Haltung ist.
Teil 2: Der Engpass sitzt nicht im Gerät. Künstliche Intelligenz im Handwerk und was tatsächlich blockiert.
Teil 3: Was man gemeinsam darf und was nicht. Regionale Zusammenarbeit ohne Kartellrisiko.
Teil 4: Was Kinder mitschreiben. Die pädagogische Klammer.

Weiterlesen: Der innere Kompass: Was die Geschichte vom Bauern und seinem Pferd verschweigt

Quellen

  1. Enchiridion des Epiktet (Handbüchlein der Moral), Kapitel 1: de.wikipedia.org · Volltext: projekt-gutenberg.org
  2. Epiktet, Biographie und Wirken: de.wikipedia.org
  3. Statistisches Bundesamt, Pressemitteilung Nr. 167 vom 19.05.2026, Erwerbstätigkeit im 1. Quartal 2026: destatis.de
  4. Statistisches Bundesamt, Pressemitteilung Nr. 173 vom 22.05.2026, Bruttoinlandsprodukt 1. Quartal 2026: destatis.de
  5. Statistisches Bundesamt, Pressemitteilung Nr. N032 vom 15.05.2026, Energieintensive Industriezweige: destatis.de
  6. Statistisches Bundesamt, Pressemitteilung Nr. 244 vom 10.07.2026, Unternehmensinsolvenzen im April 2026: destatis.de
  7. Erlernte Hilflosigkeit nach Martin E. P. Seligman und Steven F. Maier (1967): de.wikipedia.org
  8. Kontrollüberzeugung nach Julian B. Rotter (1966): de.wikipedia.org

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Hinweis gem. HWG: Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information. Er ersetzt keine medizinische Beratung/Diagnose/Behandlung. Keine Heilversprechen. Bei Beschwerden Arzt aufsuchen. Alle Angaben ohne Gewähr.
Einordnung: Die genannten Zahlen sind veröffentlichte Angaben des Statistischen Bundesamtes mit Stand Juli 2026 und in den Fußnoten belegt. Bewertungen und Schlussfolgerungen in diesem Beitrag sind Meinungsäußerung im Sinne des Art. 5 Abs. 1 GG und keine Tatsachenbehauptung. Der Beitrag ersetzt keine wirtschaftliche, steuerliche oder rechtliche Beratung und enthält keine Anlageempfehlung.
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