Streben gehört uns, Gelingen nicht
Illustration: KI-generiert (Google Gemini). Kennzeichnung gem. Art. 50 Abs. 4 KI-VO (EU) 2024/1689.
Streben gehört uns, Gelingen nicht
Die Stoa gilt als Philosophie des Rückzugs. Im Originaltext steht ziemlich genau das Gegenteil, und der Unterschied entscheidet darüber, ob jemand am Dienstagabend hingeht oder nicht.
Halb elf, Parkplatz, es nieselt. Die Sitzung hat zweieinhalb Stunden gedauert. Einer schließt sein Auto auf, dreht sich noch einmal um und sagt: „Ich weiß auch nicht, warum ich mir das antue. Am Ende ändert sich eh nichts."
Er hat an diesem Abend zwanzig Minuten geredet. Gut vorbereitet, mit Zahlen. Und er hat trotzdem recht: Was am Ende beschlossen wird, hat er nicht in der Hand.
Im Prolog dieser Serie ging es um Epiktets Frage, was uns eigentlich gehört. Auf den Beitrag kam ein Einwand, der lautete sinngemäß: Wer Energiekosten, Zinsen und Gesetzgebung in die Spalte der unbeeinflussbaren Dinge sortiert, redet die Leute in den Rückzug. Der Einwand hat mich beschäftigt. Nicht, weil er stimmt. Sondern weil er auf einer Lesart beruht, die weit verbreitet ist und die der Text nicht hergibt.
Das zweite Wort in der Liste
Epiktet beginnt das Handbüchlein mit einer Aufzählung. Sie ist kurz, und sie wird ständig zitiert.
Meistens bleibt beim Lesen das Wort Urteil hängen. Nicht die Dinge beunruhigen uns, sondern unsere Meinungen über sie, so führt Epiktet es später aus. [1] Daraus ist die populäre Stoa geworden: durchatmen, umdeuten, aushalten.
Das zweite Wort in der Liste wird dabei regelmäßig überlesen. Bestrebung. Im Griechischen steht dort der Begriff für den Antrieb zum Handeln, und Epiktet fasst die ganze erste Spalte in einer Formel zusammen: Sie umfasst alles, was aus dem eigenen Wollen hervorgeht. [1]
Damit steht das Hingehen in der ersten Spalte. Das Vorbereiten. Das Reden. Der Antrag, die Stellungnahme, die Unterschrift unter der Eingabe, der Anruf beim Kammervertreter. Alles davon ist Produkt des eigenen Wollens und damit, in Epiktets Worten, nicht zu verhindern.
In der zweiten Spalte steht nur eines: der Ausgang.
Der Fehler hat einen Namen
Wer nicht mehr hingeht, weil er das Ergebnis nicht garantieren kann, verschiebt etwas aus der ersten Spalte in die zweite. Er behandelt sein eigenes Handeln so, als gehöre es jemand anderem.
Das ist kein Gleichmut. Das ist ein Kategorienfehler, und er kostet genau das, was noch verfügbar war.
Wo diese Spalte in unserer Gegend liegt
Die Orte, an denen Standortbedingungen tatsächlich verhandelt werden, sind unspektakulär. Bauausschuss. Gemeinderat. Kreistag. Vollversammlung der Kammer. Pflegesatzverhandlung. Elternbeirat. Arbeitskreis Breitband. Innungsversammlung. Anhörung zu einem Bebauungsplan.
Was diese Gremien verbindet: Die Plätze sind da. Besetzt sind sie oft von denen, die ohnehin schon drei Ämter haben. Wer über Bürokratie, Netzausbau oder Genehmigungsdauer klagt und noch nie in einem dieser Räume gesessen hat, klagt über eine zweite Spalte, in die er sein eigenes Handeln zuvor selbst einsortiert hat.
Ich sage das mit Vorsicht, weil ich weiß, wie die Kalender von Betriebsinhabern aussehen. Wer zwölf Stunden im Betrieb steht, hat abends nichts mehr zu verschenken. Nur ist das eine Entscheidung über Prioritäten und keine über Machtverhältnisse. Der Unterschied ist wichtig, weil er ehrlich ist.
Was in der erlernten Hilflosigkeit zusammenbricht
Im Prolog kamen zwei Begriffe der Psychologie vor, die hier eine genauere Rolle spielen. Bei der erlernten Hilflosigkeit nach Martin Seligman und Steven Maier bricht nämlich nicht die Fähigkeit zusammen, Ergebnisse zu erzielen. Diese Fähigkeit hatte der Betroffene ohnehin nie vollständig. Was zusammenbricht, ist der Antrieb, es überhaupt zu versuchen. [2] Das ist exakt Epiktets zweites Wort.
Und Julian B. Rotters Kontrollüberzeugung bezieht sich, genau gelesen, nicht darauf, ob jemand Ergebnisse bestimmt. Sie bezieht sich darauf, ob sein Verhalten überhaupt eine Rolle spielt. [3] Der antike Text und die Forschung des zwanzigsten Jahrhunderts meinen dieselbe Stelle: Wer handelt, bleibt handlungsfähig. Wer wartet, bis das Ergebnis gesichert ist, verliert unterwegs die Fähigkeit zu handeln.
Die Grenze, die dazugehört
Das ist keine Erfolgsformel, und Epiktet verspricht auch keine. Es gibt Anliegen, für die man Jahre lang eintritt und die nichts bewegen. Es gibt Verhandlungen, in denen die Zahl von vornherein feststeht. Wer das leugnet, wechselt bloß von der Resignation in die Selbstüberschätzung, und beides führt an dieselbe Wand.
Der Text bietet etwas Kleineres und Verlässlicheres an: Was aus dem eigenen Wollen kommt, kann einem nicht genommen werden. Der Ausgang war nie im Angebot.
Der Satz, um den es geht
Gelassenheit heißt, das Ergebnis loszulassen. Sie heißt nicht, das Handeln loszulassen. Wer beides zusammenwirft, nennt Rückzug Haltung und hat den Text nie gelesen.
Der Mann auf dem Parkplatz ist beim nächsten Termin wieder da. Ob sich am Ende etwas ändert, weiß niemand, er selbst am wenigsten. Er hat an diesem Abend zwanzig Minuten geredet, und diese zwanzig Minuten kann ihm keiner mehr wegnehmen. Alles Weitere stand ohnehin nie zur Verfügung.
Teil 1: Streben gehört uns, Gelingen nicht.
Teil 2: Der Engpass sitzt nicht im Gerät. Über Künstliche Intelligenz im Handwerk und Mittelstand und darüber, was tatsächlich blockiert.
Teil 3: Was man gemeinsam darf und was nicht. Regionale Zusammenarbeit mit sauberer kartell- und datenschutzrechtlicher Abgrenzung.
Teil 4: Was Kinder mitschreiben. Die pädagogische Klammer.
Ausgangspunkt der Serie: Vier Dinge gehören uns · Themenverwandt: Der innere Kompass: Was die Geschichte vom Bauern und seinem Pferd verschweigt
Quellen
- Epiktet, Handbüchlein der Moral, Kapitel 1 und 5, Volltext: projekt-gutenberg.org · Einordnung des Werks: de.wikipedia.org · Zur Person: de.wikipedia.org
- Erlernte Hilflosigkeit nach Martin E. P. Seligman und Steven F. Maier (1967): de.wikipedia.org
- Kontrollüberzeugung nach Julian B. Rotter (1966): de.wikipedia.org
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